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Zwischen „Klapps“ und „Küsschen“: Über die Herzlichkeit in der Lehrer- Schüler-Beziehung im Budo

Die spezielle Beziehung eines Budo-Lehrers zu seinen Schülern (Shitei) ist geprägt durch das besondere Sensei-Prinzip, wonach diser gemäß seiner traditionell definierten Meister-Rolle als „Lehrer-Vater“ oder „Väterlicher Freund“ einen sehr persönlichen, herzlichen Umgangsstil mit seinen Schülern pflegt. Dieses Budolehrer-Verhältnis zwischen „Meister“ und Schüler, in dem die „Weg-Lehre“ vermittelt wird , nennt man Ishin-Denshin – und meint: von Herz – zu Herz.

Dies ist auch wichtig, da die Lehre und das Wesen des Budo sich nicht in einer rein funktionalen Trainer-Athlet-Beziehung verwirklichen läßt, sondern nur in einer persönlichen,vertrauensvollen Beziehung, in der entsprechend der „Weg“-Schulung die individuelle Persönlichkeit und Weiterentwicklung im Zentrum allen Bemühens um Fortschritt und des Übens steht.

Die „Weg“-Weisung (do) im Budo erschöpft sich keinesfalls in der rein technisch-körperlichen Ausbildung der Kampfkunst (Omote), sondern geht geht im „Geistigen“ (Psychologisch- Spirituellen), in der „esoterischen“ Lehre (Okuden) darüber weit hinaus. Zu „Folgen“, Gefolgschaft, auf dem Weg, ist keine bloße Nachahmung und das Trainieren von Bewegungen, sondern das Vertrauen in den Menschen, den Charakter wie die Kompetenz des „Meisters“/Lehrers und ein „Sich-ihm-anvertrauen“.

Um den ganzen Menschen im Budo und durch Budo zu erreichen und zu bilden, ist es erforderlich, auch dem ganzen Menschen zu begegnen, sein „inneres Wesen“ zu entdecken – und ihm ganz authentisch mit dem eigenen „inneren Wesen“ zu begegnen. Dies beinhaltet ein ehrliches Gefühlezeigen, zuweilen Nähe, Wärme, Zugeneigtsein (also Zu-neigung), ja eine gewisse „Liebe“ im Sinne echten Wohlwollens und zwischenmenschlicher Wertschätzung.
Und genau das findet in körperlichen Gesten des Sensei seinen Schülern gegenüber (wie der Schüler im Dojo als Gemeinschaft Gleichgesinnter untereinander) ihren Ausdruck: Eine kurze freundliche Berührung, ein Streicheln über den Kopf, ein belohnendes Schulterklopfen, ein freundliches Ansichdrücken, ein aufmunternder Stubbs, Fingerspitze auf die Nasenspitze, ein tröstendes In-den- Arm-nehmen, eine kurze Umarmung zur Begrüßung, aber auch ein motivierendes „Knuffen“,„spielerisches Boxen“ und kämpferisches Rangel-Geplänkel – jedenfalls körperlicher Kontakt zum Ausdruck einer gewissen Nähe und Vertrautheit, der Bindung und des besonderen Zusammenhalts.

Das sind kleine Rituale, Gesten, Haltungen von gewisser („elterlicher“) Privatheit, die aber nicht missverstanden werden dürfen als banale Kumpanei oder Anzüglichkeit etwa, auch nicht verwechselt mit einer über die Budo-Zuammenhänge hinausgehenden Privat-Freundschaft oder gar Intimität. Die Autorität des Sensei als Lehrer, als „Väterlicher Freund“ und „Meister“ darf unter Fehldeutung dieser ungewohnten, weil aufgehobenen „Normaldistanz“ niemals leiden.

Manchmal besteht die Gefahr, dass Schüler diese Nähe ihres Lehrers nicht recht verstehen und sich vielleicht ermuntert fühlen, ihrerseits ähnlich „offensiv“ den Kontakt suchen. Das ist ein nicht ganz einfacher Balanceakt aller Beteiligten. Doch nur wenn der notwendige, hinreichende „Respekt“ besteht, können die Schüler ihre Grenzen erkennen und einhalten, um nicht distanzlos ihrem Lehrer gegenüber zu werden.

Der „Klapps“ des Lehrers hat aufgrund der Statusunterschiede eine ganz eigene (Budo-)Qualität und darf nicht etwa vom Schüler „von unten nach oben“ ausgehen. Dies wäre eine Budo-Traditionund Grenzüberschreitung, die schnell zur Respektlosigkeit wird und das wichtige (Lehrer-Schüler-) Verhältnis beider, wie damit auch das „eigene“ Lernklima stören würde. Diese im Budo und seiner besonderen Etikette (Reiho), deren Dojo-Regelungen und (konfuzianistischer) Verhaltenskodex den Rahmen des Umgangs miteinander „steuern“, ganz typische Ungleichheit von Anfängern – Fortgeschrittenen – Meisterschülern – Meistern – Lehrern, von Jungen und Alten, ist im Normalalltag eher ungewohnt und kann zu Irritationen, Konflikten, ja Krisen und letztlich sogar Beziehungsabbrüchen führen. Und doch sind die ursprünglichen Prinzipien des ehrerbietenden Umgangs gerade die Säulen jeder „Weg“-Lehre des „Führens und Folgens“.

Zuweilen versuchen Lehrer, die durch „ungleiche Nähe“ verursachten Mißverständnisse und Folgeprobleme im Dojo dadurch zu umgehen, dass sie sich selbst sehr zurücknehmen und nichts oder nur möglichst wenig von sich preisgeben sowie einen distanzierten Umgangsstil mit ihren Schülern pflegen. Das schützt vor möglichen Beziehungskonflikten, aber verhindert auch das originäre Schüler-Lehrer-Verhältnis im Sinne der typischen (notwendigen) Unterweisung „von Herz – zu Herz“.

Coole Unnahbarkeit eines Lehrers ist auch kein Ausdruck von Größe – oft ist es eher das Gegenteil, nämlich der Versuch, keine Schwächen zu zeigen oder zugeben zu wollen (die jeder Mensch hat), als unfehlbar zu gelten, als Ideal, Vorbild, ja Idol. Hinter dieser Fassade und dem Bemühen, Abstand zu seinen Schülern zu halten, steht, so gesehen, eigentlich eher eine trügerische Selbsterhöhung und Arroganz; am Ende alles womöglich gegründet auf Omnipotenz- (Allmachts-) Phantasien oder Minderwertigkeitsgefühlen. Beides gehört nicht zu den wünschenswerten Qualitäten eines Sensei.

Budo-Lehrer sind Menschen mit Fehlern, Schwächen, Defiziten, Menschen mit Gefühlen, positiven wie negativen, mit Alltagssorgen, und genauso unvollkommen wie jeder Mensch – auch wenn sie ihren Schülern natürlich im Vielen etwas voraus haben müssen (Wissen, Verstehen, Können). Aufgabe des Lehrers ist es, zu zeigen, dass man als „normaler Mensch“ Sensei werden und sein kann. Jeder ! Unpersönlichkeit, Kühle und Distanzwahrung ist keine Budo-Tugend.

Ein Budo-Lehrer sollte sich für seine Schüler ernsthaft interessieren, ihre Sorgen und Nöte, Ängste und Wut. Er sollte ein „offenes Ohr“ haben, mit Rat und Tat zur Seite stehen, seine Hand helfend reichen, Trost spenden können, mit seinen Schülern ohne Gesichtsverlust lachen und weinen können, sie wertschätzend umarmen, „herzen“ können. Schüler sollten sich ihrem Lehrer öffnen können, eine gewisse Nähe und Vertrautheit zulassen und vertrauensvoll aushalten können, ohne gleichzeitig Achtung, Respekt, vielleicht sogar „Verehrung“ des Lehrers als „Meister“ aufzugeben.

Die Kunst, diese Ambivalenz als Budo-“Weg“ im Bewußtsein der eigenen Schulung zu „meistern“, ist beiden Seiten auferlegt. Das zarte Spiel von Herzlichkeit und „Seelen“-Begegnung von Mensch zu Mensch ist empfindlich, ja verletzlich, doch wenn es gelingt, auch sehr lehrsam: Diese „Menschen“-Schulung führt als bedeutsame Selbsterfahrung zu „innerem“ Wachstum, zur Selbsterkenntnis und Weisheit, all dem, was hinter der Technik (Omote) als Wesentliches (Okuden) gelehrt und gelernt werden kann...
J.M. Wolters

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